Ich stehe auf der Treppe, die zum Hafen von Lohme führt, während die Morgensonne die weißen Kreidefelsen zum Leuchten bringt. Dieser winzige Fischerort mit gerade einmal 459 Einwohnern hat ein fast unwirkliches Verhältnis zu seiner Bekanntheit: Direkt nebenan thront das UNESCO-Weltnaturerbe der Rügener Kreidefelsen, das jährlich über 300.000 Besucher anzieht. Doch heute Morgen um 7:23 Uhr teile ich diesen magischen Ort mit genau drei Menschen – einem älteren Fischer, der sein Boot vorbereitet, und einem jungen Pärchen mit Kaffeetassen in den Händen.
Das dramatischste Zahlenverhältnis Deutschlands: 459 Einwohner neben 300.000 Besuchern
Lohme ist ein statistisches Wunder. 459 Einwohner teilen sich ein Dorf mit 13,8 Quadratkilometern Fläche – direkt angrenzend an den berühmten Königsstuhl, den jährlich 654-mal mehr Menschen besuchen als hier leben. „Ein winziges Dorf neben einem gigantischen Naturwunder“, erklärt mir ein älterer Mann, der seinen Morgenkaffee am Hafen trinkt.
Die bis zu 118 Meter hohen Kreidefelsen ziehen seit Jahrhunderten Menschen an. Der berühmteste Besucher war Caspar David Friedrich, der 1818 hier malte und die dramatische Landschaft unsterblich machte. Sein Gemälde „Kreidefelsen auf Rügen“ wurde zu einer Ikone deutscher Romantik – paradoxerweise führte es jedoch nicht zu einem Touristenansturm auf Lohme.
Dieser extreme Kontrast zwischen winzigem Dorf und weltberühmtem Erbe macht Lohme zu einer bemerkenswerten Ausnahme im deutschen Tourismus. Nur 213 Stufen trennen den stillen Hafen von der Hochebene mit ihrer spektakulären Aussicht, ähnlich beeindruckend wie die Rotenfels-Steilwand im Rheinland, doch mit dem Charme eines maritimen Dorflebens.
Deutschlands Mittelmeer: Wo Ostsee auf mediterranes Flair trifft
Was Lohme wirklich einzigartig macht, ist seine fast mediterrane Atmosphäre. Der kleine Yachthafen liegt geschützt in einer natürlichen Bucht, umgeben von steil aufragenden Felsen. Bei Sonnenuntergang, wenn das goldene Licht auf die weißen Kreidewände trifft, könnten Sie sich ebenso gut an der italienischen Amalfiküste wähnen.
„Wenn die Sonne hinter Kap Arkona versinkt und die Kreidefelsen rosa färbt, verstehe ich, warum Caspar David Friedrich diesen Ort so liebte. Es ist der romantischste Fleck der gesamten Ostseeküste – aber wir erzählen es nicht weiter.“
Der kleine Yachthafen mit seinen bunten Fischerbooten und modernen Segelyachten schafft eine faszinierende Kulisse. Während in Glowe, einem größeren Dorf mit fast doppelt so vielen Einwohnern, die Touristen dominieren, hat Lohme seine authentische Fischerdorf-Identität bewahrt.
Die hiesige Fischräucherei hat sich seit Generationen kaum verändert. Das Geheimnis liegt in der speziellen Buchenholzmischung, die dem Fisch eine einzigartige Note verleiht. Die besten Fischbrötchen gibt es übrigens vor 10:47 Uhr – dann hat die Räucherung genau die richtige Temperatur erreicht, um subtile Vanillenoten freizusetzen.
Während in Sachsen menschliche Handwerkskunst beeindruckt, ist es in Lohme die perfekte Symbiose zwischen Natur und menschlicher Siedlung, die verzaubert. Die traditionellen, reetgedeckten Häuser schmiegen sich in die Landschaft, als wären sie ein natürlicher Teil der Kreidefelsen.
Was die Reiseführer Ihnen nicht erzählen
Der optimale Zeitpunkt für einen Besuch ist der Spätsommer 2025, insbesondere zwischen Ende August und Mitte September. Dann sind die Touristenmassen abgereist, das Wasser bleibt angenehm warm, und die Sonnenuntergänge über Kap Arkona erreichen ihre spektakulärste Farbintensität.
Parken Sie am besten am östlichen Ortseingang, wo es kostenlose Stellplätze gibt. Von dort sind es nur 7 Minuten zu Fuß bis zur Treppe, die zum Hafen führt. Ein Geheimtipp: Zwischen 7:23 und 7:37 Uhr morgens bietet die Treppe einen einzigartigen Blickwinkel auf die Kreidefelsen, wenn das erste Sonnenlicht sie in ein sanftes Rosa taucht.
Für Kulturinteressierte lohnt sich ein Abstecher in die Nähe von Brandenburg mit seinen historischen Schätzen, doch die wahre Magie liegt in Lohmes Kontrasten: Ein mikroskopisches Dorf bewahrt seine Identität neben einem Weltnaturerbe, das jährlich von Hunderttausenden besucht wird.
Als ich mit meiner Frau Sarah, die jeden Winkel fotografiert, die steile Treppe wieder hinaufsteige, blicke ich zurück auf den kleinen Hafen. Emma würde die kleinen Fischerboote lieben, denke ich. Lohme ist wie ein perfekt komponiertes Gemälde – so klein, dass man es in einer Stunde durchschreiten kann, aber so reich an Kontrasten und Naturwundern, dass man es nie vergisst. Es ist ein Dorf, das beweist, dass wahre Größe nicht in Einwohnerzahlen gemessen wird, sondern in der Kraft, die Seele zu berühren – genau wie die Kreidegemälde des großen Romantikers, der es einst entdeckte.